Wir plagiieren täglich. Alle.

Es vergeht kaum ein Jahr, in welchem nicht irgendein/e Politiker/in aufgrund früherer Versäumnisse in der beruflichen Karriere öffentlich zerpflückt wird. Dank kollektiver Gruppenarbeit (die sogenannte Schwarmintelligenz) und neuer Software können wir die öffentlich einsehbaren Doktorarbeiten hochrangiger Politikerinnen auf Plagiatselemente überprüfen.

Die Schummeleisichtung ist in der anbrechenden Transparenz-Ära fast schon der neue Volkssport. Allein schon der Plagiat-Verdacht lässt oftmals Hoffnungen auf höhere politische Ämter sterben. Guttenberg (CSU), Schavan (CSU) und Fiala (FDP) mussten dranglauben.

Der Fokus liegt dabei oft nur auf wissenschaftlich verfasste Printerzeugnisse. Wenn es um Blogs geht, so werden fehlende Verlinkungen mit originären Quellen aber selten in der Webgemeinde angemahnt und gerne ein Auge zugedrückt.

Zeit neu zu definieren, was Plagiieren im Web bedeutet.

Die Idee zu diesem Blogpost hatte ich aufgrund von Martin Weigerts gestriger Kritik, gewisse ICT-Fachmedien hätten in ihren Artikeln zum Kurierfahrtentestprojekt des Startups „myTaxi“ keinen Bezug auf seinen „enthüllenden“ Netzwertig-Blogpost genommen. Er bedauerte, dass mit dem Gebot der gegenseitigen Verlinkung als Zeichen des Respekts in der Blogosphäre immer nachlässiger umgegangen wird. Diese Feststellung versetzte mich etwas ins Grübeln. Wo beginnt Plagiieren im Web 2.0?

Geistiges Eigentum soll geschützt werden. Wieso auch nicht die Kuratier- und Rechercheleistung?

Geistiges Eigentum soll geschützt werden. Wieso auch nicht die Kuratier- und Rechercheleistung?

Übertragung der Geschäftsmodelle ins Web 2.0

Wir überstülpen oft bewährte Geschäftsmodelle des 20. Jahrhunderts auf die digitale Sphäre. In Sachen Urheberrecht sollte die künstlerische Leistung geschützt werden; für bisher gratis konsumierbare Medienhalte im Web soll neu gezahlt werden. Viele halten diese Analogien für berechtigt. Andere fordern in ihren Arbeitsbereichen einen totalen Paradigmenwechsel: Der Forscher Stefan Heidenreich gab in einem Referat auf der re:publica 13 zu, dass man mit den bisherigen kommunikationstheoretischen Modellen die sich neu formierende politischen Öffentlichkeit nicht adäquat analysieren kann. Weil die Begriffe, die Definitionen und die richtigen Kategorien fehlen würden.

Unsere Verlinkungspraxis ist oft laisser-faire

Nur bei den Verlinkungen- also den eigentlichen Zitierungen- gilt die  „laisser-faire“-Kultur. Unschärfen sind an der Tagesordnung. Warum eigentlich?

Klar, die Erstmeldung, wie aktuell zum Beispiel der Kauf der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos die zeitgleich tausendfach durch den digitalen Äther geschleudert wird, ist schwer zu orten. Dies war auch die Gegenfrage von Pascal Müller auf Google+ auf meinen Gedanken, ob man fehlende Verlinkungen mit Plagiaten gleichsetzen kann

Meine Meinung: Die massenfache Verbreitung über mehrere Kanäle desselben Inhalts entbindet uns NICHT von der Verantwortung, die „Stamminformation“ zu verlinken. Es geht auch nicht zwingend darum, die RICHTIGE Originalquelle zu eruieren. Sondern den Bezug zum Fundstück herzustellen, über welches man zufällig im Netz halt zuerst gestolpert ist (im Fall von Amazon oben verlinkte ich auf den ersten Artikel, den ich morgens sah).

Internet-Archäologen sollen gewürdigt werden

So orthodox das vielleicht klingen mag.  Im Grunde weite ich ja nur die übliche Auslegung der Zitierregeln der (Print-) Schreibzunft auf die Online-Textproduktion aus. Nur so emanzipieren sich Online von Print-Schreiberlingen. Das Unterlassen, die Vorarbeit in Form von Recherche durch Andere zu kennzeichnen, ist demnach auch ein Plagiat.

Wieso? Wir sind alle Internet-Archäologen die im Netz auf Neuheiten stossen. Diese Kuratierleistung im Netz gilt es meiner Ansicht nach zu würdigen. Umso mehr wenn – wie im Fall der Netzwertig-Macher– keine weiteren Verlautbarungen im Web zu einem Thema vorhanden sind und man als Erstes das Novum entdeckte. Ein Erwähnung “gefunden via” oder “entdeckt von XY” ist daher in meinen Augen unabdingbar.

Gestohlene Gedanken im Web sind auch Plagiate

Dasselbe gilt natürlich für Gedankengang zu einer alt-bekannten Diskussion, den man irgendwo aufschnappt und weiterverwertet. Denn alles Andere mutet nach eigener Reflexion an. Und ist somit erst recht ein Plagiat. Die gelesenen Interpretationen in der Sekundärliteratur als seine Eigenen auszugeben, wird im Wissenschaftsbetrieb -bei Entdeckung- mit Aberkennung der Arbeit sanktioniert. Zu Recht.

Mir ist bewusst: Wir brechen diese Regel unbewusst jeden Tag (auch ich). Wir vergessen oft, wo wir was in welchem Zusammenhang gelesen haben. Aufgrund der Informations- und Artikelfülle im Netz wird unser Erinnerungsvermögen mehrfach herausgefordert.  Doch die Begriffe sind schnell im Fenster der Suchmaschinen eingetippt. Ich hoffe mit diesem Blogpost ein klein wenig zur Sensibilisierung dieser Thematik beigetragen zu haben.

Und wenn ein/e Leser/-in dieses Artikels einen Folge-Beitrag zu diesem Thema schreibt, so wäre ich glücklich, wenn er meinen Artikel als Denkanstoss verlinken würde ;-).

 

2 Gedanken zu “Wir plagiieren täglich. Alle.

  1. Ciao Adrienne

    Ich würde jederzeit auf Deinen „Stammartikel“ verlinken. Würde und werde auch, wenn ich mich eben noch dran erinnern kann.

    Dies ist nicht böse gemeint, sondern sehr ernst, denn in der heutigen Informationsflut komme ich oft an den Punkt, wo ich nicht mehr genau weiss, ob ich etwas gelesen, gesehen oder gehört habe (wie Du auch korrekt schreibst). Geschweige denn manchmal noch weiss, wer mir eine Information zugetragen hat. Resultat: Ein Blogpost, in dem in der Tat (und ohne bösen Willen) die Quelle fehlt. Die Suchfenster helfen uns, aber nicht immer. Vor allem dann nicht, wenn man inspirierende Diskussionen auch mal offline führt.
    Dein Post hat mich wieder daran erinnert, Quellen besser zu erinnern. Auch darum, weil man von guten Quellen immer wieder inspiriert werden will. Dazu muss man die aber auch kennen und sich an sie erinnern.

    • Danke Roman! Auch ich bin nicht vor Gedächtnislücken gefeit, manchmal ist die Abgrenzung auch schwierig. Kam die Initialzündung für das Argument wirklich von mir oder habe ich Ähnliches schon mal gelesen? Nun denn. Wenn wir Anerkennung und Respekt für unser Online-Schreibwerk von internetnetabwesenden Publikum erlangen möchten, müssen wir uns demselben Regelwerk fürs Schreiben unterwerfen. Denn so ist ein guter Blog einem geschriebenen Text ebenbürtig.

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